Ach, du bist Krankenschwester?

Ach, du bist Krankenschwester?! Dann kannst du mir ja vielleicht sagen, was mir bei „beliebiges Wehwehchen einfügen“ hilft!

Nein. Kann ich nicht.
Oder doch. Manchmal.
Aber das kann jeder, der irgendwann mal krank war. Und Hausfrauen/Mütter erst…
Doch ich möchte gar nicht. Wenn mein Hinweis nämlich nix bringt, bin ich die Böse.
Das habe ich jamittlerweile quasi hinter mir. Weil ich einfach, bevor diese Anmerkungen kommen, sagen kann, dass ich in der Psychiatrie arbeite.

Darauf ist die Standardreaktion eher so:

Oh! dann muss ich ja aufpassen, was ich sage.

Äh… warum bitte?
Ich bin Krankenpflegerin.
Weder analysiere ich die Verrücktheiten aller Menschen in meiner Umgebung, noch betreibe ich Gehirnwäsche.
Ich bin einfach nur ich. Mit all meinen eigenen Verrücktheiten.

Verrückte Zivilisationskrankheiten

Es ist schon ein paar Jahre her, aber etwa zeitgleich mit der „Emo-Welle“ kam das Gerücht auf, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung, und insbesondere das Symptom „Selbstverletzendes Verhalten“, ja nur eine Modekrankheit sei. Die Betroffenen seien gar nicht wirklich krank, sondern wollten nur Aufmerksamkeit und Mitleid. Ein hoher Preis dafür, wie ich finde.

Tatsächlich glaube ich, dass diese Erkrankung in den letzten Jahren zugenommen hat. Ich bin zu jung um da wirklich einen Vergleich zu haben. Wie soll ich mit 27 Jahren eine Entwicklung wirklich erlebt haben? Mit 7 Jahren habe ich mir über psychische Erkrankungen sicher keine Gedanken gemacht.

Ich möchte jetzt auch gar nicht großartig auf das Krankheitsbild, begünstigende Faktoren, etc. eingehen. Ich möchte nur einen Vergleich anregen, der nicht nur für Borderline gilt, sondern für das gesamte Spektrum der psychiatrischen Erkrankungen. Von der Sucht über Depression und Manie bis hin zur Schizophrenie.

Durch unseren veränderten Lebenswandel, der grob als schneller zusammengefasst werden kann, sind viele Erkrankungen häufiger geworden. Diabetes Typ II, Hypertonie, Darmkrebs und Lungenkrebs um nur ein paar zu nennen. Das geht regelmäßig durch die Medien und wird von Hausärzten im Wartezimmer vermittelt.

„Schnellerer Lebenswandel“ steht für vieles:

Schnelleres Essen – Fast Food
Schnelleres Arbeiten – Stress, Arbeitsplatzwechsel
Schnelleres Lieben – Scheidungen, Affären
Schnelleres Leiden – Schmerzmittel dämpfen jedes Zipperlein

Wen wundert es da, dass die Psyche in Mitleidenschaft gerät?
Mich nicht.

Der Körper reagiert mit Übergewicht, Herzproblemen und Stoffwechselerkrankungen.
Und die Psyche? Burn-Out ist in meinen Augen nur die Spitze des Eisbergs.

Und obwohl ich ja nicht in der Lage bin, eine Entwicklung über mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte zu beschreiben, fällt mir auf, dass ich in den letzten etwa 5 Jahren privat deutlich häufiger auf Menschen mit vielen „Borderline-Anteilen“ stoße. Vor wenigen Tagen habe ich mich wirklich erschrocken, als ich meine Twitter-Timeline gesehen habe.
Von 60 Twitterern, twittern 4 (mit fast 7% deutlich über der offiziellen Erkrankungsrate) absolut typisch immer wieder von ihren Liebesproblemen. Sie lieben ihn/sie ja so sehr – alles ist nur schrecklich. Er/sie möchte auf keinen Fall verlassen werden und ist selbst absolut sprunghaft…
Und immer wieder Spaltereien zwischen einzelnen Twitterer-Grüppchen. Ständiger Wechsel der „besten Freunde“, super schnelles Preisgeben intimster Informationen und dann massive Enttäuschung, wenn es krieselt.
Im Internet scheint die Beschleunigung noch stärker zu sein. Schnelle Informationen. Schnelles Leben. Schneller Spaß. Schnelle Probleme.

Nur keine schnellen Lösungen.