Festival und Karneval, zwischen Mystik und Konsum

Wenn vom ersten Entwurf eines Artikels zu viel Zeit vergeht, ist das hier ein schlechtes Zeichen. Solche Texte werden nie veröffentlicht. Beispiele dafür sind z.B.:

  • „Zugabe unmöglich“, mein Bericht zum Combichristkonzert im Dezember 2009
  • „Die Qual der Wahl“, über die große Auswahl bei der Fliesenbemusterung, Hausbau halt
  • „Die Ferne naht“, Gedanken über den mittlerweile bewältigten Umzug

Irgendwann sind diese Texte überholt.

Auch das Amphi-Festival 2011 ist mittlerweile lange her und mein Ärger über den Vergleich aus vielen Berichten anderer Blogger hat sich etwas gelegt. So hat etwa Robert alias Spontis  seinen Beitrag dazu einfach „Schwarzer Karneval in Köln“ genannt, und auch Sabrina spricht vom „Gothic Karneval mit Schattenblicken“.
Während Sabrina nur kurz den Artikel von Robert erwähnt und dann darauf verweist, dass nicht alles so fürchterlich war wie dieser „Karneval“, erläutert Robert ausführlich, das „Karneval“ für all das steht, was den Festival-Genuss beieinträchtigt hat, für betrunkene Menschen, die weder die Kloschüssel, noch den Mülleimer treffen. Für „Cyber“, was ich mich optisch eher an alte Loveparade-Fotos aus Berlin erinnert, als an Karnevalsumzüge mit Fanfaren und Clown-Kostümen.

Natürlich, im heutigen Karneval ist Alkohol allgegenwärtig. Wenn ich an meinen eigenen Zustand bei der letzten Rathauserstürmung denke – erinnern kann ich mich nicht mehr an vieles. Und auch Müll ist ein Problem, dass in den Karnevalshochburgen nicht nur nach den großen Umzügen am Rosenmontag, sondern auch z.B. am 11.11. und eben nach allen Rathausstürmungen bewältigt werden muss.
Doch ist das alles wirklich ein typisches „Karnevals“-Problem? Ein Problem ist es, ohne Frage. Jedoch findet es sich an vielen Orten und bei vielen Gelegenheiten. Es ist ein „Feier- und Generationen-Problem“. Egal was Menschen feiern, und hier ist auch egal, ob es sich um Gothics, Raver oder Karnevalisten handelt, sie feiern es heute meistens mit Alkohol. Weil Alkohol enthemmt und das ist gewünscht. Sich einmal von den Zwängen des Alltags befreien und sich gehen lassen. Und das Müllproblem kennt man doch schon von kleineren Privatfeiern: Sobald man dort Einmalgeschirr benutzt, stehen überall Teller rum, selbst wenn ausreichend Müllbeutel an Tischkanten, der Küchenzeile, etc. hängen. Servietten bleiben auf dem Tisch liegen und vielerorts stehen halbvolle Plastikbecher herum. Warum sollte das im Großen besser funktionieren?

Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses besoffene, vermüllende Verhalten nicht das ist, was „Karneval“ ausmacht. Hierzu ein kleiner Exkurs zur Geschichte des Karneval:

Als Kind wusste ich nur, dass man mit den bunten Kostümen die bösen Geister vertreiben möchte. Heute weiß ich, dass man früher gleiches mit gleichem bekämpft hat. Die Geister, die im Dunkeln umherirren, also vorwiegend in den Wintermonaten, wurden Anfang November in die Häuser gelockt. Hier kann man sich die Martinsumzüge mit Laternen und Gesang vor Augen vorstellen, die bald wieder von Grundschulen und Kindergärten veranstaltet werden. Und wenn der Winter vorrüber war, sollten die Felder auch wieder fruchtbar werden, dafür mussten die Geister verschwinden. Also hat man die Nacht zum Tag gemacht, sich als Gespenster verkleidet und die ruhelosen Seelen mit Fackeln, Gesang und viel anderem Lärm aus der Stadt vertrieben. Nächtliche Zusammenkünfte fand man noch nie allzu begrüßenswert, so dass diese so genannten „Geisterzüge“ irgendwann von den Karnevalsumzügen bei Tageslicht abgelöst wurden. Vor ziemlich genau 20 Jahren wurden sie in Köln jedoch wieder eingeführt, näheres dazu erfährt man hier: Geisterzug in Köln
Zudem war es auch eine Zeit, in der die weniger wohlhabenden Bürger, auf den Straßen – oft mit Masken, um nicht erkannt zu werden – gebettelt haben. Schließlich haben sie damals noch deutlich mehr unter den Härten des Winters gelitten als heute, da gab es noch keine Nebenkostenabrechnungen, in denen die Heizkosten auf das Ganze Jahr verteilt werden konnten. Der Auftragsmangel in Handwerksbetrieben erklärt sich wohl ebenfalls von selbst.

Karneval ist also eigentlich von einem gewissen Glauben an die Zeit nach dem Tod verbunden, dieses Fest hat einen sehr mystischen Hintergrund. Karneval verkörpert wohl vieles von dem, was sich die „alteingesessenen Gothics“ auf die Fahnen schreiben: Mystische Geschichten sind faszinierend, der Tod übt eine gewisse Anziehungskraft aus, Friedhöfe haben dieses gewisse Flair. Wie viele Leute haben in ihren Beiträgen zum Gothic-Friday schon eine Vorliebe für Friedhöfe benannt?
Karneval führte den Menschen, die genug hatten, denjenigen, die sich auch im Winter gut ernähren konnten und ohne größere Anstrengung überleben konnten, die Armut der Arbeiter vor Augen. Er klagte die damalige „Spaßgesellschaft“ in gewisser Weise an und forderte sogar etwas ein.
Hier gibt es wenig Gemeinsamkeiten. Die „schwarze Szene“ lehnt die Spaßgesellschaft ab. Allerdings macht sie nicht auf sich aufmerksam sondern leidet eher stumm vor sich hin. Wobei stumm nicht ganz stimmt. Da sind kritische Liedtexte, Gedichte, Gedanken, die niemals in Worte gefasst werden. Aber all das bleibt hauptsächlich innerhalb der „Szene“.
Karneval hat sich ursprünglich geisterhaft gekleidet. Wie stellt man sich Geister vor? Ich stelle sie mir wie eine blasse Version des ursprünglichen Menschen vor. Und genau das sind doch auch die meisten in der „schwarzen Szene“ freiwillig. Blass. Sie meiden die Sonne oder setzen sich ihr nur mit hohem Sonnenschutz aus.
Einige Gemeinsamkeiten mit der „schwarzen Szene“ im Allgemeinen also.

Davon ist nicht mehr viel Übrig im heutigen Karneval. Um am offiziellen Straßenkarneval teilnehmen zu können braucht man viel Geld und Geister werden nicht mehr mit Geistern bekämpft sondern mit viel lauter Musik, bunten Farben und oft künstlich herbeigeführter guter Laune. Mittel der Wahl ist meist der Alkohol.

Ein Festival hingegen ist nichts mystisches. Gerade das Amphi, the Orkus Open Air, galt von Anfang an als Musikfestival. Die Musik und die Künstler sollen gefeiert, nicht vertrieben, werden. Ich erwarte davon also in erster Linie solche. Laute Musik um ehrlich zu sein. Live präsentierte Musik. Und genau das ist für meinen Geschmack in diesem Jahr Subway to Sally am besten gelungen. Sie haben aus ihrer Musik ein Gesamtwerk mit dem Publikum erschaffen. Die Menge brannte für ihre Musik und die Bühne brannte – dank Pyrotechnik – für beide. Warm war‘s!

Meine Fazit lautet:

Das Amphi erfüllt alle geweckten Erwartungen: das Feiern und Konsumieren von Musik. Karneval hingegen hat einen mystischen Hintergrund, lässt diesen jedoch nur noch selten erkennen und sollte eigentlich mit seiner Geschichte mehr Anziehungskraft auf das „schwarze Volk“ ausüben, anstatt nur als Metapher für Suff und Müll herzuhalten.

Rosenmontagszug in der Vorstadt

Ich gebe es zu: Ich bin Karnevalist. Und ich bin es gerne!

Es macht mir unglaublichen Spaß, und das jedes Jahr, in der Stadt meiner Kindheit im Rosenmontagszug mitzugehen. Trotz diverser wiederkerhrender Begleiterlebnisse, die einem die Freunde daran nehmen könnten:

  • Dieser Kostümwettbewerb, eigentlich soll er die Qualität der Kostüme, und somit des gesamten Zuges fördern. Mit gewissem Erfolg. Und dem Nebeneffekt des Neides, Gerüchten um Bestechung, voreingenommene Jury, …
    Kann man nicht einfach ein tolles Gruppenkostüm haben und sich freuen, wenn man dafür noch einen Preis bekommt? Muss man da die anderen dafür verurteilen, dass sie mehr „Anerkennung“ erhalten haben? Anerkennung. Darum geht es doch eigentlich im Karneval gar nicht!
    Um Spaß geht es. Und den verderben sich zu viele schon bei der Aufstellung durch Missbilligung der anderen Gruppen, in der Angst, dass diese „besser“ sein könnten.
  • Die Kälte, dieses Jahr so schlimm wie nie. Stundenlanges Warten. Eine Stunde vor dem Start schon zur Aufstellung gehen. Rumstehen. Warten. Und dabei frieren. Die Bewegung fehlt dann einfach und kann auch durch beste Stimmung und Karnevalsmusik nicht in ausreichendem Maße erreicht werden.
  • „Bettelnde Kinder am Straßenrand“, vorgeschubst von ihren Eltern. Die Plastiktüte weit aufgehalten. Und immer wieder dieser fordernde Ruf. „Alaaf!“ Gut gelaunt, erfreut, spaßig sollte er klingen. Aber er klingt fordernd. Wird immer wiederholt. Geht man an der Tüte vorbei ohne sie mit „Kamelle“ zu füllen kann auch schonmal ein anderer Ruf folgen. „Schlampe!“
    Leider, ob das jetzt politisch korrekt ist wage ich anzuzweifeln, aber es ist das, was wir beobachten konnten, sind diese Kinder nahezu immer aus Familien mit Migrationshintergrund. Im Hauseingang steht die Mutter mit Kopftuch und bewacht die bereits gefüllten Tüten. Die Vermutung, dass gar nicht „Alaaf „sondern „Allah“ gerufen wird hatten einige aus unserer Gruppe.
  • Halbstarke, denen bewusst geworden ist, dass die meisten da hin werfen wo viele Kinder stehen, sind auch so eine Sache. Der Kerl, ich würde sagen etwa 15 Jahre alt, der sich auf den Boden gekniet hat und rief „ich bin auch ein kleines Kind“ war schon irgendwie beeindruckend. Nichteinmal ein Kostüm hatte er an. Im Kontrast dazu die kleine Prinzessin, schätzungsweise 5 Jahre alt. Sie rief: „Ich will nichts mehr!“

Aber es war wieder ein schöner Rosenmontag. Trotz übelster Witterungsbedingungen standen so viele am Straßenrand. Mehr als letztes Jahr. Und es wurde viel aufgehoben. Nicht nur Waffeln und Chips. Das, was liegen blieb, hätte wohl auch niemand mehr essen sollen. Bonbons in undichter Verpackung in salzigen Schneepfützen.

Guten Appetit. Mit freundlichen Grüßen Ihr Zahnarzt.